WOW POINTS · GASSI SPRICHT MIT EINEM BANKER
„Ich habe Punkte.“ Gassi sagt das so, wie andere Leute sagen, sie hätten geerbt. Herr Schulte-Südhof reagiert nicht. Er sitzt neben ihm am Pool, hält sich an einem Kaffee fest, und hat seine Brille ziemlich weit vorne auf der Nase. „Ich auch.“ „Wo?“ „Flensburg.“ „Andere Punkte.“ Gassi nimmt einen Schluck Aperölchen. „Meine werden mehr.“ „Meine hoffentlich nicht.“ „Und ich kann mit meinen einkaufen.“ Jetzt senkt Herr Schulte-Südhof den Blick. Zum ersten Mal an diesem Vormittag sehen sich die beiden an. „Also sind meine besser.“

Es ist kurz nach elf am Pool einer WOW-FINCA irgendwo auf Malle. Die Sonne steht schon so hoch, dass Herr Schulte-Südhof regelmäßig ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche zieht und sich damit die Stirn tupft. Gassi versucht er seit ungefähr zehn Minuten, aus einem Bonussystem eine Anlageklasse zu machen. „Pass auf. Du buchst bei WOW FINCA, kaufst ein oder machst bestimmte Sachen und bekommst dafür Punkte. Die sammeln sich in deinem Account. Und mit denen kannst du später wieder bei uns einkaufen.“ Herr Schulte-Südhof rückt seine Brille zurück und betrachtet Gassis Handy. „Vermögen, Bonussystem, Freizeitkapital.“ „Nein.“ „Mallorca-Reserven.“
„Sie sind erstaunlich verschlossen gegenüber neuen Finanzprodukten.“

Herr Schulte-Südhof runzelt etwas. „Neu ist daran gar nichts. Das hatten wir früher schon.“ „Digital?“
„Rabattmarken.“
Gassi lehnt sich zurück. Natürlich Rabattmarken. Bei einem Mann namens Schulte-Südhof hätte ihn eigentlich nichts anderes überraschen dürfen. „Lachen Sie nicht“, sagt der Banker. „Ich lache gar nicht, nur innen.“ Herr Schulte-Südhof ignoriert das. Früher, erzählt er, habe man beim Einkaufen kleine gezackte Marken bekommen. Rosa, grün, manchmal beige. Zu Hause kamen sie in ein Heft. Bei seiner Mutter lagen sie vorher in einer kleinen Porzellanschale im Küchenschrank. Zweite Tür von links. Ganz hinten.

Gassi stellt sein Aperölchen ab. „Woher wissen Sie heute noch, wo die lagen?“ Herr Schulte-Südhof schaut ihn an, als sei die Frage vollkommen unnötig. „Weil ich nachgesehen habe.“ „Wie alt waren Sie?“ „Neun.“ „Sie haben mit neun den Rabattmarkenbestand der eigenen Mutter kontrolliert?“ „Kontrolliert ist das falsche Wort.“ „Welches ist das richtige?“ Herr Schulte-Südhof denkt kurz nach. „Nachgehalten.“ Gassi nickt langsam. „Natürlich. Andere Kinder hatten Meerschweinchen.“

Herr Schulte-Südhof erzählt weiter, und irgendetwas verändert sich dabei. Das Stofftaschentuch liegt plötzlich unbenutzt neben ihm. Die Ellenbogenschoner werden warm. Er sitzt gerader. Beim Einkleben, sagt er, musste man aufpassen. Schön mittig. Nicht über den Rand. Keine Falten. Wenn eine Marke schief saß, wurde sie vorsichtig wieder angehoben. Gassi beobachtet ihn. „Sie klingen gerade glücklich.“ „Das hatte Ordnung.“ „Sie haben sie sortiert, oder?“ Herr Schulte-Südhof schweigt einen Moment zu lange. „Nach Wert.“ „Natürlich haben Sie sie nach Wert sortiert.“ „Das war sinnvoll.“ „Sie waren erst neun.“ „Gerade deshalb.“
Mit sechzehn, erzählt Herr Schulte-Südhof dann, sei es etwas intensiver geworden. Es gab eine Kaffeemaschine. Eine Krups. Sie war hervorragend.“ „Andere Jungs wollten ein Mofa.“ „Hat mich nicht interessiert.“ „Mädchen?“ Herr Schulte-Südhof zögert. „Auch.“ „Aber die Krups hatte Priorität.“ „Die hatte einen Schwenkfilter.“ Gassi schaut aufs Meer.
Manchmal liefert ein Mensch eine Antwort, gegen die man nicht mehr gewinnen kann.

Am schlimmsten seien die letzten beiden Felder gewesen, sagt Herr Schulte-Südhof. Zwei leere Kästchen auf der letzten Seite. Die hätten einen wahnsinnig gemacht. „Dann wartet man bis zum nächsten Einkauf.“ Herr Schulte-Südhof sieht Gassi entsetzt an. „Nein.“ „Doch.“ „Dann ist das Heft nicht voll.“ „Das ist für ungefähr einen Tag auszuhalten.“ „Für dich vielleicht.“ Gassi schaut ihn jetzt genauer an. „Was haben Sie gemacht?“ Der Banker greift wieder zum Stofftaschentuch. „Noch etwas gekauft.“ „Was?“ „Was man eben brauchte.“ Herr Schulte-Südhof tupft sich die Stirn. „Senf.“ „Ihr brauchtet Senf?“ „Nicht unmittelbar.“ „Wie viel Senf?“ Es dauert. „Drei Gläser.“
Für einen Moment hört man nur die Zikaden. Gassi schaut auf Herrn Schulte-Südhof. Herr Schulte-Südhof schaut auf seinen Kaffee. Irgendwo hinter der Mauer fährt ein Auto vorbei. „Sie haben mit sechzehn drei Gläser Senf gekauft, die niemand brauchte, damit Sie genügend Rabattmarken für eine Krups hatten?“ „Beim ersten Glas gab es weniger Marken als gedacht.“ „Das macht es nicht besser.“ „Die Kaffeemaschine hatten wir fast zwanzig Jahre.“ „Das macht es ein bisschen besser.“

Gassi schiebt ihm wortlos sein Handy über den Tisch. Herr Schulte-Südhof nimmt es. „Und Sie sagen mir seit einer Viertelstunde, WOW Points seien einfach nur ein Bonussystem.“ „Sind sie auch.“ „Sie haben für zwei leere Kästchen drei Gläser Senf gekauft.“ „Das waren andere Zeiten.“ „Das waren dieselben Synapsen.“ Herr Schulte-Südhof antwortet nicht. Er nimmt sein Android-Handy, scrollt. Erst durch Gassis Punktestand, dann durch die Möglichkeiten, WOW Points zu sammeln. Danach zurück. Dann noch einmal nach unten. Gassi lässt ihn.

„Das ist eigentlich ganz gut gemacht“, sagt Herr Schulte-Südhof schließlich. Man bekomme Punkte für Dinge, die man bei WOW FINCA ohnehin mache, sehe, wie sie mehr werden, und könne sie später beim Einkaufen wieder einsetzen. Das verstehe jeder. Menschen sammelten nun einmal gern auf etwas hin. „Das sage ich doch die ganze Zeit.“
Herr Schulte-Südhof scrollt weiter. Gassi trinkt sein Aperölchen. Nach einer Weile fragt Herr Schulte-Südhof, scheinbar beiläufig: „Wie viele Punkte bekommt man eigentlich beim Einkaufen?“ Gassi schaut zu ihm. „Da ist er.“ „Wer?“ „Der Sechzehnjährige.“ „Unsinn.“ „Sie wollen das Heft vollmachen.“ „Ich möchte das System verstehen.“ „Sie wollen Punkte.“ Herr Schulte-Südhof schiebt die Brille hoch und scrollt weiter. Dann hält er kurz inne. „Gibt es eigentlich auch Punkte für Empfehlungen?“ Gassi nimmt einen letzten Schluck Kaffee. „Herr Schulte-Südhof.“ „Was?“ „Wir sind wieder bei drei Gläsern Senf.“


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Katja fragt. Gassi war da.