Gassi steht seit ungefähr drei Minuten im Wohnzimmer von Magico und führt ein ernstes Gespräch mit einem Olivenbaum. Der Baum sagt wenig, macht aber insgesamt einen sehr überzeugenden Eindruck. „Der bleibt“, sagt Gassi schließlich. Einer unserer WOW-FINCA-Testgruppe schaut ihn an. „Der gehört zum Haus.“ – „Umso besser.“ Damit ist die erste Personalentscheidung des Tages gefallen.

Durch die hohen Glasflächen fällt die mallorquinische Vormittagssonne. Aus der Küche kommt die Meldung: zwei Kühlschränke. Gassi nimmt das interessiert zur Kenntnis – offiziell prüft er heute ein Haus, inoffiziell vor allem Dinge, die er gern behalten würde. Magico nennt sich Stadthaus, was sehr bescheiden ist: vier Doppelzimmer mit eigenem Bad, fünf Bäder und Platz für acht. In der Küche warten Backofen, Geschirrspüler und tatsächlich zwei Kühlschränke. „Wofür zwei?“, fragt einer.
Gassi sieht ihn an. „Einer für Essen.“ – „Und der andere?“ Gassi öffnet ihn, schaut kurz hinein und sagt: „Für später.“
Irgendwo hinter uns kratzt ein Stift über ein Klemmbrett. Gassi dreht sich um. „Schreib: berechtigt.“ Der Stift kratzt noch einmal. Damit wäre auch das geklärt. Dann erfahren wir, dass der Pool auf dem Dach liegt.

Salzfilter, Außendusche, Sonnenliegen und Blick über Búger. Dazu Jacuzzi, Grillstation und Lounge. Einer unserer WOW-F!NCAs richtet sich bereits ein. Gassi wieder nur: „Später.“ Rückblickend der optimistischste Satz des Tages. Denn bei unseren WOW F!NCAs zählt nicht nur das Haus. Wir wollen wissen, wo man Brot holt, Kaffee trinkt, Einheimische trifft – und wo man landet, wenn man nicht das Handy fragt. Wir nennen das Geheimglück. Der Plan: Magico prüfen, Búger durchdringen, Geheimglück finden, Pool. Zwei Stunden sollten reichen. Sollten.
Geheimglück Nummer eins riecht nach Brot.
Nach ein paar Schritten sind wir schon falsch. Gassi gibt der Straße die Schuld. Aber: es riecht nach Brot. Und direkt werden alle gleichzeitig langsamer. Gassi geht noch drei vernünftige Schritte – und dreht um.
„Nur gucken.“
So landen wir bei Forn Ca’n Rafel. Stand auf keinem Zettel, niemand hatte es empfohlen. Und so sitzen wir da, bestellen das Brot und ausgezeichneter Ensaimada, während Gassi auf Mallorquinisch mit der Frau hinterm Tresen plaudert. Gelernt hat er es übrigens nie – er hat irgendwann den Fischern im Hafen von Palma zugehört und später einfach mitgeredet. „Eigentlich ganz leicht.“ Wir fragen nicht mehr. „Morgen wieder“, sagt Gassi. Wird notiert. Unser erstes Geheimglück: falsch abgebogen, gerochen, reingegangen, geblieben. Danach wollen wir professioneller arbeiten. Das hält ungefähr eine Viertelstunde.
Geheimglück Nummer zwei beginnt mit einem Mann vor seinem Haus.
Vor einem alten Haus sitzt ein älterer Mallorquiner. Er sieht gut aus – das bemerkt natürlich auch Gassi und sagt „Bon dia“. Dann reden beide über Búger, sein Boot, den Hafen und schließlich Fische. Der Mann hält die Hände so weit auseinander, dass der Fisch bereits meldepflichtig sein müsste. Gassi zweifelt, der Mann widerspricht, die Hände wandern noch weiter auseinander. Hinter uns wird notiert. „Den Fisch nicht“, diktiert Gassi.

Die beiden verabschieden sich, und Gassi denkt eine Sekunde nach und zeigt entgegen unserer geplanten Route. „Da lang.“ Der Rundweg ist erledigt, Búger dafür interessanter: schmale Gassen, Naturstein, kleine Plätze und ein Markt für Leute, die tatsächlich etwas brauchen. Niemand verkauft uns „das authentische Mallorca“. Búger spielt nicht Urlaubsort. Genau das macht es sympathisch.
Bei Ca’s Rector braucht eigentlich nur einer Wasser. Wir setzen uns für fünf Minuten. Gassi redet mit dem Wirt, dann mit dem Nachbartisch und mit ein paar Leuten, die zufällig vorbei laufen. Aus Wasser wird Kaffee, aus Kaffee etwas Kaltes und aus fünf Minuten eine Stunde. Nichts Spektakuläres passiert – und genau das ist das Spektakuläre. „Stand nicht auf der Liste.“ Gassi schaut sich um. „Jetzt schon.“ Der Stift kratzt. Das System funktioniert.
Zweites Geheimglück.

Klar, trotz Brot und allerlei Kleinigkeiten müssen wir noch die ansässige Gastroküche testen: Es ist schon Nachmittag, glühend heiß und der Pool inzwischen medizinische Notwendigkeit. Wir wollen zurück. Wirklich. Aber Gassi stolpert in einen Mann und fragt: „On anau a menjar vosaltres per aquí?“ Wo geht ihr hier essen?
Die Antwort: „Poliesportiu.“
Der Stift stoppt. „Sportplatz?“
„Aufschreiben.“
Kein Meerblick, keine Zitronenbäume. Einfach der örtliche Sportplatz. Keine zehn Minuten entfernt wartet Magicos Pool. Die Entscheidung müsste leicht sein. Leider kennen wir Gassi. Also laufen wir weiter. Und es bestätigt sich zunächst jeder Zweifel: Sportplatz, Restaurant, Tische. Niemand hat versucht, diesen Ort für uns hübsch zu machen. Aber sofort bemerkt Gassi: Hier sitzen die Leute aus der Gegend, essen, reden, kommen und gehen. Kein Mallorca-Abend, keine Inszenierung. Er bestellt. Dann noch etwas „zum Probieren“, groß genug für eine Kleinfamilie. Wir bleiben. Irgendwann schaut einer aufs Klemmbrett, dann auf die Uhr – und beschließt, die Zeit lieber für sich zu behalten.
Gassi lehnt sich zurück. „Sportplatz“, nuschelt er..
Der Stift kratzt. Mehr muss offenbar nicht hinein.
Drittes Geheimglück.
Aus „kurz Búger anschauen“ ist längst eine Expedition geworden. Einer redet kaum noch, eine erwähnt den Pool wie einen vermissten Verwandten. Auf dem Klemmbrett: Ensaimada. Morgen wieder. Bleiben. Sportplatz. Und auch „Fisch sehr groß“ steht da, obwohl Gassi das ausdrücklich untersagt hatte.
Der Plan ist nicht aufgegangen. Der Tag schon.
Vielleicht ist das der Unterschied: Eine Gegend lernt man nicht kennen, indem man fünf Punkte abhakt. Man muss ihr Gelegenheit geben, den Plan kaputtzumachen – falsch abbiegen, sitzen bleiben, mit Menschen reden. Idealerweise mit jemandem, der Mallorquinisch zwischen Fischerbooten gelernt hat. Zurück in Magico steht der Olivenbaum noch immer im Wohnzimmer. Gassi schaut ihn an. „I tu? Tot bé?“ Der Baum schweigt. Gassi nickt. „Sí. Ja m’ho pensava.“
„Was hat er gesagt?“, fragt einer.
„Alles gut.“
„Der Baum?“
Gassi sieht ihn an. „Der spricht sehr langsam.“
Nach so einem Tag diskutiert keiner mehr. Oben ist der Pool. Endlich. Eine halbe Stunde später schlafen alle. Der Jacuzzi bleibt ungetestet, der Grill kalt, selbst der zweite Kühlschrank geschlossen. Auf dem Klemmbrett ist noch eine Zeile frei. Gassi öffnet ein Auge. „Schreib Pool.“ Nichts passiert. Der Mann mit dem Klemmbrett schläft auch.



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Gassi & Katja sehen sich um.
Katja fragt. Gassi war da.