Ein Gespräch über volle Teller, leere Gläser und die Frage, warum eigentlich immer alles ein Konzept braucht.

Gassi wohnt im Hafen von Palma auf seiner Yacht. Das ist für dieses Interview eigentlich vollkommen unerheblich. Gassi wird es trotzdem schaffen, darauf zurückzukommen. Wir treffen ihn nach dem Essen im Sa Volta in Palmas Altstadt. Über ihm hängen Schinken. Vor ihm steht Wein. Er wirkt zufrieden. Das kann jetzt dauern.

Gassi, wie bist du eigentlich auf das Sa Volta gekommen?
Ich bin reingegangen. Das klingt jetzt vielleicht enttäuschend, aber ich recherchiere Restaurants nicht drei Tage vorher. Ich laufe durch Palma, sehe einen Laden und entscheide meistens innerhalb von zehn Sekunden, ob ich reinwill. Beim Sa Volta war das ziemlich einfach: Es war voll, es war laut und niemand stand vor der Tür und wollte mir erklären, was mich drinnen erwartet. Das sind schon mal drei gute Zeichen.

Du entscheidest also nach Lautstärke?
Nicht nur. Aber ein Restaurant, in dem 40 Menschen essen und keiner redet, macht mich nervös. Beim Essen darf es ruhig ein bisschen durcheinandergehen. Teller kommen, Teller gehen, jemand bestellt noch etwas, einer klaut dir die letzte Garnele und behauptet anschließend, sie hätte sowieso niemand mehr gewollt. Das ist für mich ein Abendessen. Wenn ich absolute Ruhe möchte, kann ich zurück aufs Boot.

Ist es auf einer Yacht so ruhig?
Nein. Aber da kann ich wenigstens bestimmen, wer die letzte Garnele bekommt.

Was war dein erster Gedanke im Sa Volta?
Die meinen das ernst. Das gefällt mir. Du kommst rein und da hängt nicht irgendwo dekorativ ein einzelner Schinken, weil ein Innenarchitekt beschlossen hat, dass ein Schinken Authentizität ausstrahlt. Da hängen richtig viele. Irgendwann ist es keine Dekoration mehr, sondern eine Haltung. Ich saß da und dachte: Gut, wir beide verstehen uns.

Du und das Restaurant?
Ich und die Schinken zunächst. Das Restaurant musste sich das noch verdienen.

„Eine Speisekarte ist ein Vorschlag.“

Wie gehst du an so eine Speisekarte heran?
Ich lese sie.

Das ist überraschend konventionell.
Ich bin ja kein Tier. Aber ich verstehe Menschen nicht, die sich vorher im Internet exakt überlegen, was sie bestellen werden. Dann sitzt du endlich auf Mallorca, hast eine Speisekarte vor dir und die Entscheidung wurde vorgestern auf dem Sofa in Bielefeld getroffen. Warum? Eine Speisekarte ist ein Vorschlag. Man schaut, worauf man Lust hat, bestellt ein paar Sachen und korrigiert die Entscheidung später durch weitere Bestellungen.

Du bestellst also grundsätzlich zu wenig?
Nein. Ich bestelle in Etappen. Das klingt wesentlich professioneller.

Und was gehört für dich im Sa Volta auf den Tisch?
Ich würde teilen. Ganz klar. Tapas, Fisch, Meeresfrüchte, Pulpo, Gambas – ein paar unterschiedliche Sachen und dann schaut man weiter. Das Schöne daran ist doch, dass der Abend sich entwickeln kann. Vielleicht schmeckt dir etwas so gut, dass du es noch einmal bestellst. Vielleicht siehst du am Nachbartisch etwas Besseres. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Person, die angeblich „wirklich keinen Hunger“ hatte, inzwischen 40 Prozent deiner Bestellung gegessen hat. Dafür braucht man Reserven.

Sa Volta in Palma

Und wie war das Essen nun tatsächlich?
Richtig gut. Unkompliziert gut. Ich möchte bei Essen nicht ständig das Gefühl haben, dass ich eine Prüfung ablegen muss. Manchmal kommt etwas auf den Tisch, du probierst es und möchtest sofort noch einen Bissen. Das ist eine ziemlich hervorragende Definition von lecker. Genau so war der Abend hier.

Keine „Explosion mediterraner Aromen“?
Wenn auf meinem Teller etwas explodiert, bezahle ich nicht.

„Ein gutes Restaurant erkennt man am letzten Brot.“

Woran erkennst du überhaupt ein gutes Restaurant?
Am Ende. Der Anfang ist einfach. Da haben alle Hunger, die ersten Gläser sind voll und jeder freut sich. Interessant wird es, wenn eigentlich alle satt sind. Bleibt man trotzdem sitzen? Wird noch Brot genommen? Bestellt jemand noch ein Glas? Fängt keiner an, nervös auf die Uhr zu schauen? Wenn ein Tisch nach dem Essen schöner ist als vorher, war das Restaurant gut. Im Sa Volta wollte jedenfalls keiner aufspringen.

Auf dem Foto sieht dein Glas schon ziemlich leer aus.
Das Foto dokumentiert einen Zwischenstand.

Wie viele Zwischenstände gab es?
Darüber führt die Redaktion hoffentlich keine Statistik.

Noch nicht.
Dann möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich von der Einführung einer solchen abraten.

„Ich möchte keinen Geheimtipp. Ich möchte einen guten Abend.“

Würdest du Sa Volta WOW Finca Gästen empfehlen?
Ja, aber nicht mit diesem touristischen Auftrag: „Heute müssen wir einen Geheimtipp entdecken.“ Das macht einen doch wahnsinnig. Fahrt nach Palma, weil Palma großartig ist. Lauft durch die Altstadt, schaut euch um, setzt euch irgendwann hin und habt einen guten Abend. Sa Volta passt genau dazu. Es ist zentral, lebendig, spanisch, unkompliziert – und danach seid ihr schon mitten in der Stadt und müsst eigentlich nur noch entscheiden, in welche Richtung ihr weiterzieht.

Du sagst „weiterzieht“. Wann ist ein Abend für dich eigentlich beendet?
Das entscheidet der Abend. Ich finde feste Endzeiten beim Essen merkwürdig. Wenn es schön ist, bleibt man. Wenn es nicht schön ist, geht man. Dafür brauche ich keine Uhr. Der Vorteil meines Wohnorts ist natürlich, dass mein Zuhause unten im Hafen schwimmt und nachts nicht plötzlich woanders ist. Jedenfalls meistens nicht.

Jedenfalls meistens?
Es ist ein Boot. Ein Mindestmaß an Bewegung sollte man ihm zugestehen.

Wie sieht der perfekte Sa-Volta-Abend für dich aus?
Nicht zu früh anfangen. Vorher durch Palma laufen. Dann ins Sa Volta, mehrere Sachen bestellen, teilen, Wein dazu und nicht versuchen, in 60 Minuten fertig zu werden. Danach noch durch die Altstadt. Vielleicht irgendwo ein letztes Glas. Irgendwann Richtung Hafen. Wenn ich dort ankomme und noch Lust habe, setze ich mich hinten aufs Boot. Das ist meistens der Moment, in dem ich feststelle, dass ich beim Abendessen wieder viel zu vernünftig war.

Was bedeutet bei dir „zu vernünftig“?
Kein Dessert.

Das bereust du?
Fast immer.

Du darfst Sa Volta nur mit einem Satz beschreiben. Welcher wäre es?
Ein Restaurant mit sehr vielen Schinken.

Also: hingehen?

Hingehen. Verschiedene Sachen bestellen. Teilen. Zeit mitbringen. Und bitte nicht nach drei Tapas sagen: „Das reicht uns.“ Dieser Satz hat noch nie einen guten Abend besser gemacht.

Und danach?
Mal sehen.

Zurück zur Yacht?
Irgendwann.

Wie groß war die noch mal?
Das hast jetzt du gefragt.

Gassi im Sa Volta in Palma während des Essens mit Katja, seiner Frau

Gassi im Sa Volta in Palma – und wenn du auch hin möchtest: 
Montag: 12:00–24:00 | Dienstag: 12:00–24:00 | Mittwoch: 12:00–24:00 | Donnerstag: 12:00–24:00 | Freitag: 12:00–24:00 | Samstag: 12:00–24:00 | Sonntag: geschlossen

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